
Uni Leipzig bekommt ein Zentrum "für Transformationsforschung": Wie klappt Deindustrialisierung?

Von Dagmar Henn
Also drei Millionen Euro gibt es für das neue Zentrum an der Universität Leipzig, das "für vergleichende DDR- und Transformationsforschung" eingerichtet wird. Eigentlich sagt die Benennung schon alles: "Transformation". Das klingt neutral bis positiv, auch wenn das, was nach 1989 mit der DDR getrieben wurde, eher, wenn man die Assoziation aufsteigen lässt, mit einer gewaltsamen Geschlechtsumwandlung vergleichbar wäre.

"Es entsteht ein kommunikativer und kooperativer Knotenpunkt der historisch vergleichenden, kultur- und sozialwissenschaftlichen Erforschung von DDR und Transformationszeit", erklärte einer der beiden für das Projekt verantwortlichen Leipziger Professoren, Dirk van Laak. Wie der Name schon erahnen lässt, kein Eingeborener dieser Gegend. Seine Kollegin, die Kulturhistorikerin Monika Wohlrab-Sahr, ebensowenig. Aber das ist doch allgemein so üblich.
So liest sich die Zusammenfassung der Ziele dieses Zentrums in der Erklärung der Universität Leipzig:
"die umfassende Einordnung von DDR- und Transformationsgeschichte in eine zeitlich und räumlich vergleichende Betrachtung,
die vertiefte Erforschung der kultur-, medien-, erinnerungs- und erfahrungsgeschichtlichen Dimensionen dieser Geschichte und ihrer Auswirkungen auf die deutsche Gegenwartsgesellschaft,
die Verschränkung von historischer DDR-Forschung und sozialwissenschaftlicher Transformationsforschung, um im transdisziplinären Dialog innovative Methoden anzuwenden und weiterzuentwickeln."
Klar ist schon einmal: DDR‑Forschung wird das nicht. Die könnte es nämlich erst geben, wenn die DDR zumindest als Versuch, eine bessere deutsche Gesellschaft zu schaffen, ernst genommen würde. Dagegen spricht schon das Personal. Insgesamt sind rund um das Projekt vier Lehrende der Leipziger Universität involviert; die einzige "Eingeborene" ist im Jahr 1975 geboren und sitzt im Fachbeirat der "Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur".
Nein, da wird es keine Forschung geben, die anerkennt, dass das Projekt DDR eine Basis in der Bevölkerung hatte. Auch die Tatsache, dass die renazifizierte BRD kein freundlicher Nachbar war, dürfte keine Rolle spielen. Da wird es auch keine Forschung geben, die den Verlauf der Annexion, die gezielte Deindustrialisierung, kritisch betrachtet. Es werden nur ein paar zusätzliche Millionen investiert, um die Erzählung von den glückselig in den Westen Befreiten noch einmal zu verstärken.
Allerdings gibt es einen Unterton, der sich aus dem oben zitierten dritten Punkt ableiten lässt, wenn man bösartig genug denkt. Und weiß, dass zumindest einer der Beteiligten, Detlev Brunner, auch über die Folgen der Deindustrialisierung im Ruhrgebiet geforscht hat. Das sich übrigens, wie ein einfacher Blick auf die Sozialstatistiken zeigt, vom doppelten Schock durch den Rückgang bei Bergbau und Stahl nie erholt hat, obwohl die große Welle der Schließungen in der Stahlindustrie inzwischen fünfzig Jahre zurückliegt.
Es gibt noch ein paar Hinweise, was dieses Institut bewirken soll. In einem Interview auf der Webseite der Universität, in dem sich van Laak und Brunner über die Forschungsziele äußern, sagt Brunner:
"Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation hat besonders in den frühen 1990er Jahren viele Betroffene vor große Herausforderungen gestellt. Dabei gab es Verluste an bisherigen Gewissheiten, aber auch an materiellen Existenzgrundlagen. Was die einen aus gewohnten Bahnen warf, verstanden andere als Chance. Wichtig ist, an die Chancen und Möglichkeiten zu erinnern, Transformation zu gestalten. Das kann auch dazu beitragen, die zuletzt wieder verbreiteten Opfernarrative zu entkräften."
Mal abgesehen von der starken Dosis von Schönreden, wenn es unter anderem darum geht, dass die BRD entgegen den vertraglichen Zusagen Abschlüsse der DDR nicht anerkannte, und der Tatsache, dass da eben keine "Transformation gestaltet", sondern Volksvermögen verramscht und Selbstverwaltung durch eine Kolonialverwaltung ersetzt wurde. Dass es eben nie zu einer Verfassungsdebatte kam, sondern letztlich eine feindliche Übernahme stattfand.
In diesem kurzen Absatz finden sich gleich zwei Untertöne. Der erste zeigt sich an den "Opfernarrativen": Offenkundig muss noch einmal nachgetreten werden, um die Westerzählung zu verstärken, weil in der örtlichen Bevölkerung zu viele abtrünnig werden. Der andere Unterton deutet jedoch noch etwas anderes an: "An die Chancen und Möglichkeiten zu erinnern, Transformation zu gestalten". Das zielt auf die Gegenwart. Auf die Deindustrialisierung, die gerade der deutschen Gesellschaft auch im Westen verpasst wird.
Da hat diese Forschung plötzlich einen aktuellen, praktischen Nutzen. Schließlich hat man den ehemaligen Arbeitern der DDR-Industrie zumindest soweit erfolgreich das Maul gestopft, dass sie nicht gegen ihre Abschaffung rebellierten und es nicht ihre Erzählung vom Verlust des Eigenen ist, die das Geschichtsbild prägt. Jetzt steht es eben an, dasselbe mit den Beschäftigten bei Daimler oder VW durchzuexerzieren: "die Chancen und Möglichkeiten, die Transformation zu gestalten."
Ja, im Zusammenhang mit einer wirtschaftlichen Entwicklung, die dabei ist, die BRD nun auch in eine ökonomische Wüste zu verwandeln, ergibt es Sinn, sich genauer anzuschauen, wie das damals überhaupt funktionieren konnte. Das Rezept wird aktuell wieder benötigt – obwohl natürlich der Nutzen begrenzt ist, denn die Beruhigungspille eines erhöhten Konsums wird es dieses Mal nicht geben, im Gegenteil. Stattdessen gibt es Predigten darüber, wie gut es doch sei, auf Fortbewegung, Fleisch und Reisen zu verzichten.
Über 35 Jahre nach dem Anschluss würde man eigentlich erwarten können, dass eine historische Forschung möglich wird, die das Objekt ihrer Studien nicht als Feind betrachtet. Was stattdessen entsteht, wirkt eher wie eine Studienstelle für Unterwerfungstechniken, mit besonderem Blick auf die ideologische Begleitung von Deindustrialisierungen. Die drei Millionen zur Finanzierung zeigen jedenfalls: Auch Berlin weiß, dass die Losung "Einheit im Untergang" nicht sonderlich populär werden wird.
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